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22. 09. 2017 - 02:53 Uhr
Marth
Marth am Fuße des Rusteberges

Wolf der Unhold

Es war zu der Zeit, als der Vizedom (Statthalter) das Eichsfeld noch vom Rusteberg aus verwaltete. Von der höchsten Zinne der Burg flatterte noch die Fahne mit dem Mainzer Rad und kündete jedermann, unter welcher Herrschaft Land und Leute standen. In dem am Abhang des Berges gelegenen Dorf Marth lebte unter anderen Hörigen ein älteres Ehepaar, das sich recht und schlecht durchs Leben schlug. Der Mann hatte früher zu den Reisigen der Burg gehört, während die Frau als Magd ihren Dienst getan hatte. Nachdem der Mann im Dienst des Burggrafen schwer verwundet und dienstuntauglich geworden war, lebte er nun vom Gnadenbrot, das ihm gewährt wurde und dürftig genug war. Der Mann verstand sich auf die Geheimkräfte der Natur, und die Frau sammelte in stillen Vollmondnächten, bevor der Tau den Boden netzte, Kräuter und Pflanzen, aus denen der Mann heilkräftige Tränke und Pulver bereitete. Manche Schwerkranken hatte das Ehepaar schon vom Tode errettet. Dankbar brachten die Behandelten was zum Nötigsten des Lebens gehört, und so ließ sich die ärgste Not immer abwenden.

Das Ehepaar hätte seine alten Tage in Ruhe und Frieden verleben könne, wenn nicht ein schwerer Kummer es bedrückt hätte.

Die Ursache wer der einzige Sohn der beiden, der den Namen Wolf trug. Schon als kleines Kind war er sehr wild und ungestüm, und die Mutter konnte nur schwer mit ihm fertig werden. Er stiftete Unheil an, sobald ihn seine kleinen Beine tragen konnten. Mit den Jahren wuchs seine Bosheit. Weder Mensch noch Tier waren sicher vor seinen Streichen, und keines der übrigen Kinder des Dorfes wollte mit ihm etwas zu schaffen haben. Von den Dorfleuten wurde er allgemein „Wolf, der Unhold“ genannt. Nur die Tochter des Köhlers, der am abgelegenen Rand des Waldes eine Ärmliche Blockhütte bewohnte, konnte im Lauf der Zeit Einfluss auf den Jungen nehmen. Wenn sie ihn mit ihren klaren blauen Augen anschaute, war er wie umgewandelt. So verging die Zeit, und der Junge wuchs heran. Eine Sinnesänderung war nicht wahrzunehmen bei ihm – er war und blieb der Schrecken des Dorfes. Da beschlossen die bekümmerten Eltern, den ungeratenen Sohn in die Welt zu senden. Nach Rücksprache mit dem Burgherren schickten sie ihn nach Mainz, wo er unter die Stallburschen des Erzbischofs aufgenommen wurde. Als er ging, war das ganze Dorf wie von einem schweren Alpdruck befreit. Nur seine Mutter und die Tochter des Köhlers hatten ihn mit Wehmut scheiden sehen.

So verging ein Jahr nach dem anderen. Von dem Jungen drang keine Nachricht aus der weiten Welt in das Dorf, und er galt als verschollen. Doch eines Tages sollten sich die Wünsche der Mutter und der Köhlerstochter erfüllen.

Auf dem Rusteberg langte die Nachricht an, dass zu Pfingsten der Landsherr, der Erzbischof, auf dem Eichsfeld eintreffen und einige Wochen auf der Burg Wohnung nehmen werde. Unverzüglich wurden alle Vorbereitungen getroffen für die Ankunft des Kurfürsten. Auch die Bewohner von Marth wetteiferten mit denen der Burg, und Häuser und Straßen wurden geschmückt wie zur Kirmes.

Der Tag vor Pfingsten rückte heran. Schon am frühen Morgen hatten sich Bewohner der umliegenden Dörfer an der Straße, die nach dem Rusteberg führt, in großer Zahl eingefunden. Dann kam der Zug heran. Inmitten einer stattlichen Zahl von Rittern und Reisigen, in violetter Kleidung, die Hand zum Segen erhoben, zog der Erzbischof vorüber.

Unter den Reisigen, die den Schluss des Zuges bildeten, fiel ein Mann durch sein unheimliches Aussehen auf: Haare und Bart waren tiefschwarz, und zwei unerbittlich blickende Augen waren starr geradeaus gerichtet. Man sah ihn, stieß sich mit den Ellenbogen an und flüsterte sich unheimliche Dinge zu. Einem Mann mit solchem Aussehen war alles Böse zuzutrauen!

Auch die beiden Alten und des Köhlers Tochter waren unter den Zuschauern. Als der Unheimlich an ihnen vorüberschritt, erkannte ihn die alte Frau: „Wolf!“ rief sie aus, sie hatte richtig gesehen. Es war ihr Sohn. Sie hob die Hände, als wolle sie den Reiter halten. Der aber machte nur eine abwehrende Handbewegung und tat, als kenne er  niemanden. Als die Mutter noch einmal seinen Namen rief, drehte er sich unwillig um. Da erblickte er das Mädchen, das in den vergangenen Jahren herangewachsen war und in seiner Festkleidung einen erfreulichen Anblick bot. Überraschung spiegelte sich im Blick seiner Augen, und kurz entschlossen rief er den Wartenden zu, dass er zum Abend in der elterlichen Hütte sein werde.

Nach langen Jahren saß dann der Sohn zum ersten Mal wieder in dem Haus, in dem er seine Kinderzeit verbracht hatte. Staunend hatten die Eltern den stattlichen jungen Mann betrachtet, der durch die Tür getreten war. Die malerische Kleidung des Soldaten gab der kräftigen Gestalt ein imponierendes Aussehen. Trotz der Freude waren die Anwesenden zurückhaltend, der kalte, stechende Blick schreckte sie ab. Prahlerisch waren die Worte des Mannes, wenn er von seinen Taten und Streichen am Hofe zu Mainz und von seinen Erlebnisse erzählte. Großtuerisch sprach er von den Schätzen, die er erworben, und zum Beweis für seine Prahlereien warf er eine Handvoll Gold- und Silbermünzen auf den Tisch. Die Eltern überwanden ihre Zurückhaltung und bewunderten ihren Sohn, doch die Köhlerstochter erkannte, dass der Spielgefährte ihrer Kinderzeit sich nicht geändert hatte. Sie sprach an diesem Abend nicht viel und kehrte voller Bedrückung in die Köhlerhütte zurück.

Der Erzbischof weilte lange auf der Burg, um die Angelegenheiten des Eichsfeldes zu regeln. Besuch folgte auf Besuch, und alle angesehenen Männer des kleinen Landes erschienen, um den Landesherren zu huldigen. Wolf der Unhold kam täglich von der Burg herab nach Marth, um sich im elterlichen Haus mit der Köhlerstochter zu treffen. Diese hatte ihre Zurückhaltung aufgegeben und gewann einen immer spürbarer werdenden guten Einfluss auf den jungen Mann. Die Zuneigung zu dem Mädchen schien diesen gänzlich umzuwandeln. Als er dann am Tag vor der Abreise von der Geliebten Abschied nahm, versprach er ihr übers Jahr von Mainz zurückzukehren und sie zum Traualtar zu führen.

Das Jahr war vergangen. Da stieg eines Tages aus dem Leinetal herauf in Richtung Marth ein junger Mann in der Kleidung eines Knappen. Es war Wolf, den seine Sehnsucht nach Haus getrieben hatte, um wie versprochen, Hochzeit zu halten. Doch je näher er dem Dorf kam, um so unruhiger wurde er. In der ganzen Feldflur war kein Mensch zu sehen, und auf das Dorf lag wie ausgestorben. Er ging zum Hause seiner Eltern, fand es aber verschlossen. Da verließ er das Dorf, um jemanden zu suchen, der ihm Auskunft geben könne. Am Waldrand blieb er stehen und schaute sich noch einmal verständnislos um. Dann ließ er sich auf einem Feldstein nieder, um kurze Rast zu halten. Da ließ ihn ein Geräusch aufschauen. Unter den Bäumen hervor trat eine alte Frau, die ein Bündel trockenen Holzes schleppte. Er sprach sie an, und nun hörte er das Schreckliche, das geschehen war. Sie erzählte ihm, dass der Schwarze Tod durchs Eichsfeld gewandert sei und reiche Ernte gehalten habe. Besonders die Gegend des Rusteberges sei heimgesucht worden, und auch seine Eltern und die Köhlerleute mit ihrer Tochter seien Opfer der Seuche geworden. Wie versteinert stand der junge Mann bei dieser Nachricht. Da ließ  er sich von der Alten die Stelle zeigen, wo die Toten ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten.

Voller Schmerz warf er sich am Grabe seiner Lieben nieder. Mit beiden Händen wühlte er in der feuchten Erde, als könne er die Toten dadurch wieder zum Leben erwecken. Schließlich lähmte ein Krampf seinen Körper, und er wurde bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, waren Stunden Vergangen. Verzweiflung und Wut im Herzen, begab er sich zur elterlichen Wohnung. Auf dem Hofe raffte er ein Bündel Reisig zusammen, zündete es an und war es auf das Strohdach des Hauses. Nach kurzer Zeit stand die elterliche Behausung in Flammen. Das Feuer griff über auf die benachbarten Hütten und fand in den strohgedeckten Häusern reiche Nahrung. Von der Burg eilten die Knechte herbei, um dem Feuer Einhalt zu tun. Doch vergebens, mehr als die Hälfte des Ortes wurde ein Opfer der Flammen. Über dem Dorf aber, auf einem vorspringenden Felsen, stand der Brandstifter und schaute hohnvoll dem grausigen Schauspiel zu. Eine unmenschliche Freude bereiteten ihm die lodernden Flammen, und als sie kleiner zu werden begannen, verschwand er im Dunkel der Nacht.

Wiederum waren Jahre vergangen. Das kleine Dorf Marth war neu aus der Asche erstanden, und die Bewohner gingen wieder wie früher ihrer gewohnten Arbeit nach. Seit einiger Zeit befand sich unter den Reisigen des Rusteberges einunheimlicher Geselle mit stechend schwarzen Augen. Eine breite rote Narbe, die sich von der Stirn über die Augen bis zum linken Kiefer hinzog, entstellte grässlich sein Gesicht. Die anderen Burgknechte mochten ihn nicht leiden, und Einwohner von Marth gingen ihm aus dem Wege. Noch niemals hatte ihn jemand ein Gotteshaus betreten sehen, die alten Weiber flüsterten sich zu, dass er mit dem Bösen im Bunde stehe. Wiederholt war er von diesem oder jenem Dorfbewohner zu mitternächtlicher Stunde an einer unheimlichen Wegkreuzung gesehen worden. Im Dorf wurde er viel sagend „der Schwarze“ genannt.

Inzwischen neigte sich der Sommer seinem Ende zu, die Ernte war eingebracht, und Marth feierte seine Kirmes. Der Anger des Dorfes war mit jungen Tannenbäumen geschmückt und mit bunten Bändern und Girlanden behangen. Die älteren Frauen saßen auf der niedrigen Mauer und schauten dem fröhlichen Treiben zu. Alle waren heiter und fröhlich. Plötzlich stockte der Tanz, der unheimliche Geselle von der Burg hatte den Anger betreten. Er warf den Musikanten ein Goldstück auf den Spieltisch und forderte herrisch einen neuen Tanz. Alsbald ertönte wieder die Musik, doch keiner der jungen Burschen trat zum Tanz an. Unwillig und murrend schauten sie auf den Störenfried. Da ging dieser auf die Mädchenschar zu, wählte sich die Schönste und wollte sie zum Tanze führen. Das Mädchen jedoch weigerte sich mit ihm zu gehen. Nun brauchte er Gewalt. Sogleich sprangen die Burschen dem Mädchen zur Seite, und es entstand ein wildes Handgemenge. Schon hatte der Schwarze, dem seine große Gewandtheit zustatten kam, einige Burschen zu Boden geworfen, als der hünenhafte Verehrer der Schönen, die der unheimliche Geselle hatte zum Tanze zwingen wollen, wutentbrannt auf ihn eindrang. Blitzschnell zog der Schwarze seinen Dolch hervor. Doch bevor er zum Stoß ausholen konnte, wurde er von seinem Gegner niedergeschleudert. Im Fallen schlug er mit dem Kopfe auf die scharfe Kante des Angersteins und stieß einen furchtbaren Schrei aus. Das Blut quoll ihm aus Mund und Nase. Bewegungslos lag er am Boden, und die entsetzten Zuschauer glaubten schon, einen Toten vor sich zu haben. Doch nach kurzer Zeit öffnete der Schwarze noch einmal die Augen und rief mit Hasserfüllter Stimme den Umstehenden zu: „Fluch über Marth und alle seine Bewohner! Alle sollen es wissen: Ich bin ein Verworfener, und für mich gibt es keine Ruhe im Grabe – ruhelos muss ich wandern bis in alle Ewigkeit!“

Nach diesen Worten verkrampfte sich sein Körper, und der unheimliche Geselle vom Rusteberg war tot.

Entsetzt umstanden die Zuschauer den Toten. Plötzlich klang die Stimme eines alten Mannes in die Stille:

„Ich habe ihn erkannt an seinem stechenden Blick. Es war Wolf der Unhold! – Gott sei seiner armen Seele gnädig!“

Nach drei Tagen, gegen Abend, wurde der Tote hinter der Burg, an einer abgelegenen Stelle, von den Knechten des Burggrafen beigescharrt. Keine Glocke ertönte, und kein Priester sprach ein letztes Gebet.

Eine sternhelle Nacht breitete sich um den kegelförmigen Rusteberg. Der Turmwächter auf der Burg verkündete die Geisterstunde. Da verfinsterte sich plötzlich der Himmel. In der Luft erhob sich ein Brausen und Krachen, ein Poltern und Rumoren, das mit jeder Minute zunahm. Erschreckt fuhren die Einwohner von Marth aus dem Schlafe auf. Die Mutigen unter ihnen eilten hinaus auf die Gassen, um zu sehen, was es gab. Zutiefst erschrocken erblickten sie über dem Bergfried des Schlosses eine riesenhafte Gestalt, welche eine Faust drohend dem Dorf entgegenstreckte. Alle wussten es in diesem Augenblick, und einer flüsterte es dem anderen zu:

„Wolf der Unhold geht um!“

Schnell kehrte ein jeder in seine Behausung zurück. Alle zündeten sie Kerzen an und begannen zu beten. Doch der Sturm dauerte fort und wurde übertönt von gellendem Hohngelächter. Eine  Stunde mochte vergangen sein, da legte sich der Sturm, und die Sterne standen wieder klar am Himmel wie vorher. Die Bewohner des Dorfes und der Burg aber konnten in dieser Nacht keinen Schlaf finden.

Als der Tag anbrach, wurde auf Veranlassung des Burgherrn eine Prozession zur Höhe des Rusteberges durchgeführt. An der Stelle, wo Wolf der Unhold beigescharrt war, betete der Priester für dessen Seelenruhe und besprengte das Grab mit Weihwasser. Die geängstigten Gemüter hofften, dass der Tote nunmehr Ruhe finde in seinem Grabe. Allein in der nächsten Mitternachtsstunde erhob sich der Sturm aufs neue, und wiederum erschien die gespensterhafte Gestalt. So ging es in der folgenden Zeit Nacht für Nacht, und große Angst ergriff die Bewohner der Burg und des Dorfes, sobald die Dunkelheit hereinbrach. Als man sich nicht mehr zu helfen wusste, schickte der Burggraf einen Eilboten nach Mainz zum Erzbischof, um die Vorkommnisse zu melden.

Am erzbischöflichen Hof lebte ein Mönch, der ein heiligmäßiges Leben führte. Diesen sandte der Landesherr nach dem Rusteberg. Auf Veranlassung des Ordensmannes wurde auf der Kuppe des Berges ein steinernes Gewölbe gemauert, worin die irdischen Reste des Unholdes beigesetzt wurden. Nachdem die Öffnung des Gewölbes mit einer eisernen Tür verschlossen worden war, wurde vor dieser eine metallene Truhe niedergesetzt, worin sich eine von dem Mönch auf Pergament niedergeschriebene Bannformel befand. Dann wurde das Gewölbe meterhoch mit Erde zugeschüttet.

Seit dieser Stunde war Ruhe auf dem Rusteberg und in Marth, und der Geist wurde nie mehr gesehen.